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Mittwoch, 2. März 2016

In Heppenheim wird an der Zukunft gearbeitet





Bild#Sigurd#Roeber
Von Sigrid Jahn
UMWELT Franz Schreier stellt auf Einladung von MetropolSolar das Aquaponic-Solar-Gewächshaus vor
HEPPENHEIM - Fische züchten, Gemüse ziehen und den Strom dafür selbst produzieren – das bietet ein Aquaponik-Solar-Gewächshaus. Der Heppenheimer Franz Schreier, Diplomphysiker und Energieberater, hat das integrierte System entwickelt und erläuterte, wie es funktioniert.
Das Weltklima verändert sich, die Pole schmelzen, fossile Energieträger schädigen die Ozonschicht – für Franz Schreier hat es die Menschheit dabei mit sich selbst verstärkenden Effekten zu tun, die mit linearen Problemlösungen nicht zu meistern sind. „Wir müssen lernen, komplexer zu denken“, sagt der Diplomphysiker, „wir drehen an einer Schraube und wundern uns, wenn dann alles aus dem Ruder läuft.“ Der Heppenheimer, vor zehn Jahren noch Unternehmensberater in Sachen traditionelles Energiemanagement, hat selbst die eingefahrenen Wege verlassen und das Neue gewagt. Statt Erdöl und Kohle zu propagieren, hat sich Schreier den erneuerbaren Energiequellen zugewandt, getüftelt, experimentiert und mit dem Aquaponik-Solar-Gewächshaus aufgezeigt, wie sich Gemüseanbau, Fischzucht und Fotovoltaik ressourcenschonend kombinieren lassen.
Wie dieses integrierte System funktioniert, erläuterte der Geschäftsführer der Firma EBF (Energy, Biosphere, Food) am Freitagabend im „Stadtgraben“ bei einer Informationsveranstaltung, zu der MetropolSolar Rhein-Neckar eingeladen hatte. Aquaponik, zusammengesetzt aus Aquakultur und Hydroponik (erdloser Pflanzenanbau im Wasser), bildet einen geschlossenen Kreislauf zwischen Fischbehälter und Pflanzbeeten: Die Tiere liefern den Dünger, das gereinigte Wasser fließt anschließend zurück. Eine perfekte Symbiose, der Schreier und seine Mitarbeiter mit dem Einsatz von selbst entwickelten Solarlamellen im Innern der Gewächshäuser noch einen ordentlichen Extra-Mehrwert verpasst haben: Auf einem Foto vom 9. August 2011, erstellt für einen Vortrag bei der „Aquaponics Association“ in Orlando/Florida (Aquaponik ist in den USA schon seit den achtziger Jahren ein Thema), ist die möglicherweise erste Tomate mit negativem Kohlendioxid-Fußabdruck abgebildet, will heißen: Es wurde mehr Energie erzeugt, als für die Produktion der Frucht verbraucht wurde.
Viele Prototypen getestet
Auch die Befestigungen für die Dacheindeckung, eine extrem reißfeste, über drei Jahrzehnte haltbare und selbstreinigende Folie eines japanischen Herstellers, sind EBF-Eigenentwicklungen, ebenso wie das Floßsystem für die Pflanzen, das zudem aus Bioplastik gefertigt wird und weder Weichmacher noch giftige Kunststoffe enthält. Auch die Lichtquelle für den Winterbetrieb – den Prototyp im Faradayschen Käfig hatte Schreier als Anschauungsmaterial mitgebracht – ist etwas Besonderes: eine Schwefel-Plasma-Lampe, die genau das Spektrum bedient, das Pflanzen fürs optimale Wachstum benötigen. Fotos, entstanden im Testbetrieb in den Niederlanden, bewiesen die Effizienz der Lampen. Nur 30 Tage benötigten die Gurkenpflänzchen damit, um heranzuwachsen und erntereife Früchte auszubilden. Ein Erfolg, der Mut machte.
Die ersten, maximal 50 Quadratmeter großen Gewächshaus-Prototypen bauten Schreier und seine Mitarbeiter in Einhausen auf dem Gelände der Firma Herbert sowie in Bensheim auf dem Hessentagsareal 2014 auf. In Neuenburg bei Freiburg sponserte die Badenova im Jahr darauf ein 200 Quadratmeter großes Anzuchthaus für die baden-württembergische Landesgartenschau 2022. „Das meistangeklickte Projekt des Energieversorgers“, sagte Schreier nicht ohne Stolz und zeigt weitere Fotos mit Gewächshäusern, die seine Firma designt und aufgestellt hat.
Noch sind es recht teure Einzelanfertigungen, die auf Big Island (Hawaii), in Kawagoe in Japan sowie in Wales für die bekannte BBC-Journalistin Kate Humble entstanden sind. In Serie zu gehen, plant EBF für die Zukunft; Schreier und seine Mitarbeiter werden Module entwickeln und vertreiben, die so ein Selbstversorger-Paradies auch einem größeren Kundenkreis öffnen würden. Auf zwei Lösungen hat die Firma Patente angemeldet („Wir sind da ganz zuversichtlich“), und auch in der Region geht es voran: Schreier hat in Bürstadt auf dem früheren Gelände der Firma Haller Blumen GmbH einen „Food & Energy Campus“ geplant, ist seit Januar als Eigentümer des 2,1 Hektar großen Grundstücks eingetragen. „Wir haben erst mal entrümpelt und Altlasten entsorgt“, erzählt er nach dem Vortrag, als die Zuhörer viele Fragen stellen. „In der vorigen Woche haben wir das erste Gewächshaus eingedeckt, bis zum Sommer wollen wir das Hessentagsmodell und ein Industriegewächshaus fertig haben.“ In Zukunft sollen im Campus Seminare und Schulungen angeboten werden, um weiter für Aquaponik, erneuerbare Energien und ressourcenschonende Lebensmittelerzeugung die Trommel zu rühren.